| K Alles erscheint mir als Konstruktion. Wenn man versucht, zwischen Literatur und Architektur zu vermitteln, fragt man sich früher oder später, wo sich beide Kunstformen denn überhaupt treffen. Besonders eine architektonische Auseinandersetzung mit Literatur, die sich über solche Gemeinsamkeiten nicht Klarheit verschafft, tritt leicht in die Falle des rein Assoziativen. Ich möchte anders an diese Problematik herangehen. Die tragende Rolle von 'Konstruktion' für Architektur ist unumstritten. Aber auch Literatur kann wesentlich 'konstruktiv' sein, wie Kafka selbst bezeugt. Ich werde also zuerst Kafkas Werk auf literarisch-konstruktive Strategien untersuchen. Diese Strategien überführe ich dann in einen architektonischen Kontext. So facettenreich Kafkas Werk auch ist, so kann doch Verwandlung als zentrales Motiv seiner Literatur gelten. Mit anderen Worten heißt das, Kafkas Literatur ist in sich transformatorisch. Und zwar sowohl inhaltlich, man denke beispielsweise an Gregor Samsa, als auch formal, was sich besonders in seiner eigentümlichen Romanform und seiner reduktiven Erzählsprache ausdrückt. In einer Tagebuchnotiz spricht Kafka von Charakteristika 'kleiner Literaturen', die auch sein eigenes Werk prägen. Ausgehend von diesem Schlüsselbegriff, lassen sich einige Hauptthesen festhalten. 'Kleine Literaturen' können nur in ethnischen, religiösen und immer auch sprachlichen Randlagen entstehen. Schließlich gehörte Kafka im Prag seiner Zeit der deutschsprachigen, jüdischen Minderheit an. Nach Kafka hat eine 'kleine Literatur' allein aus diesem Grund, ihrem marginalen Charakter, von Anfang an eine verborgene, politische Komponente. Die großen Themen in seinem Werk, undurchdringliche Hierarchien wie in Amerika oder im Schloß, ein sich ständig entziehendes Gesetz wie im Prozeß, kurz: hermetische Ordnungen, lassen sich in diesem Sinne verstehen. In ihrer Studie Kafka. Für eine kleine Literatur unterstreichen Gilles Deleuze und Félix Guattari, daß der Kern von Kafkas Literaturpolitik in erster Linie seine Sprache ist. Gegen die stilisierte Hochsprache der 'großen' deutschen Literatur übernimmt Kafka den einfacheren Wortschatz und die vereinfachte Grammatik des Pragerdeutsch in seine 'kleine' Literatursprache. Dieses reduktive Moment wird durch verklausulierte juristische Floskeln verschärft. Ihre formale Entsprechung findet Kafkas reduktive Sprache im episodischen Charakter seines Romanwerks. Kafkas Romane warten nie mit einer Auflösung ihrer verstrickten Handlungsfäden auf. Genausowenig verschieben sie diese Lösung ins Unendliche. Sie scheinen vollkommen auf Lösung zu verzichten. Die erzählerische Sequenz der Romane klammert sich vielmehr an Codes und Chiffren, etwa Kafkas notorische Protagonisten K., die nur einen notdürftigen Zusammenhalt der Episoden als Roman gewährleisten. In den Erzählungen entpuppen sich die Chiffren und Codes als eine präzise Variable. Dort können Figuren tierisch werden wie Gregor Samsa in der emblematischen Verwandlung, oder menschlich wie der Affe im Bericht an eine Akademie. Was Kafka hier preisgibt, ist die Identität des Protagonisten, nicht die Chiffre selbst. Denn die Verwandlungen sind keine blinden Mutationen. Sie vertiefen die Reduktionen, die Kafka bereits in seiner 'kleinen' Literatursprache vorgenommen hat: im Zuge der Verwandlungen verringert sich Kafkas eigene Erzählsprache zu einem Stammeln, zu Tierlauten, zu dem fast unhörbaren Pfeifen der winzigen Sängerin Josefine aus dem Volk der Mäuse. Meistens ist dieses Verstummen kein schicksalhafter Regress. So erschütternd Gregor Samsas ohnmächtiger Sprachverlust auch sein mag, so erschütternd komisch ist er zugleich. Zusammenfassend läßt sich der transformatorische Charakter von Kafkas Werk wenigstens thetisch an seiner Idee einer 'kleinen Literatur' festmachen. Eine 'kleine Literatur' forciert reduktive Verwandlungen, auch Verwandlungen ihrer selbst. Diese Reduktion ist insofern besonders, als sie einen 'großen' Kontext mit einer 'kleinen' Struktur konterkariert. Diese 'kleine' Struktur ist vermutlich ambivalenter oder sogar komplexer als ihr 'großes' Pendant, entgegen dem gewöhnlichen Verständnis von Reduktion. Hand in Hand mit dieser besonderen Reduktion gehen in einer 'kleinen Literatur' ihr betonter Hang zu chiffrierter Sprache und zu episodischer Erzählweise. Der reduktive Gedanke als konstruktiver Gedanke legt nahe, daß ein architektonisches Objekt in Anlehnung an Kafka keine Neukonstruktion sein kann, sondern aus einer vorhandenen 'großen' Architektur reduziert werden sollte. Als architektonische Ausgangsfigur für meine Untersuchung entscheide ich mich für ein Architekturlehrgebäude im doppelten Sinn: ein architektonisches Vorbild und gleichzeitig Ausbildungsstätte für angehender Architekten. Nicht nur durch seine physische Abmessungen, sondern auch durch seine strenge Gliederung in Sockelgeschoß, Hauptkörper und Dachgeschoß sowie der konsequenten Proportionierung des Gesamtkörpers, der Fassaden und Innenräume durch den Goldenen Schnitt, trägt dieses Gebäude alle Zeichen klassischer Größe. Die Absicht der Architekten, dem Gebäude eine quadratische Ansichtsfläche zu geben, damit es dominierender Hochpunkt des Stuttgarter Talkessels würde, hat die Baubehörde vereitelt. Um die quadratische Grundform dennoch beibehalten zu können, mußte der Baukörper zum Teil im Boden versenkt werden. Bei dem Gebäude handelt es sich um das 1956 für die Fakultät Bauwesen errichtete Kollegiengebäude 1 der Universität Stuttgart, besser als K1 bekannt und somit chiffriert, wie Kafkas literarische Figuren. Ich möchte zeigen, daß die Struktur von K1 durch sich selbst hindurch auf eine 'kleinere' Variante reduziert werden kann. Diese Variante werde ich einfach K nennen. Um beide Konzepte vergleichen zu können, muß diese Transformation maßstabsgetreu erfolgen. Dazu verwende ich die Originalpläne als Grundlage. Im ersten Bearbeitungsschritt extrahiere und definiere ich aus den Unterlagen charakteristische Prinzipien, die als Leitthemen zum Zeitpunkt der Konzeption von K1 ablesbar sind. Dabei ziehe ich Achsmaße, Proportion, Erschließungsprinzipien, Stockwerksgliederung und statische Konzeption in Betracht. Ausgehend von diesen Untersuchungen, setze ich einen transformatorischen Prozeß in Gang. Dieser Vorgang läßt sich an der Südfassade veranschaulichen, einer Betonplattenfassade mit durchgehenden Fensterbändern, die durch schalungsbedingt kannelierte Pilaster vertikal geteilt werden. Die Proportion der einzelnen Elemente basiert auf Corbusiers Modulor. In der ersten Phase reduziere ich das Objekt auf den Hauptkörper. Sockel und Dachgeschoß verschwinden. Einzelne Linien der repetitiven Fassadenteilung werden gelöscht, wodurch die zugrunde liegenden Ordnungsprinzipien verwischt werden, ein reduktiver Prozeß vergleichbar mit Kafkas vereinfachtem Sprachgebrauch. Durch eine räumliche Verschiebung dieser zuvor flächig angeordneten Elemente vor und hinter die Stützenebene entsteht eine Durchdringung dieser Volumina mit der vertikalen Tragkonstruktion, ähnlich den syntaktischen Verschärfungen Kafkas. In der nächsten Phase wird die reduzierte Fassade mit der ebenso reduzierten Geschoßstruktur überlagert. Dadurch werden zusätzlich lineare, horizontal verlaufende Elemente in die Ansicht addiert. Diese neue Geschoßstruktur hat ihren Ursprung in der Erschließungs- und Bewegungskonzeption von K1. Als reduzierte Variante schafft sie neue Verbindungen zwischen einzelnen Stockwerken. Dabei entstehen isolierte, aber auch mehrfachangebundene Zonen und durch die Neuordnung des Aufzugskonzepts eine das Gesamtgebäude durchziehende komplexe Zuordnungsmatrix. Die ursprüngliche Geschoßstruktur von K1 ist bereits nach dem Split-Level-Prinzip organisiert. Durch die konsequente Reduktion dieses Prinzips werden neue Bruchlinien definiert. Aus diesen Brüchen entstehen neue Ebenen; die alten Geschosse ändern ihre Ausdehnung oder verschwinden vollständig. Das hier dokumentierte Stadium ist nicht als Endpunkt einer Transformation, sondern als Momentaufnahme eines kontinuierlichen Prozesses zu verstehen. K beinhaltet also diesen, sowie alle vorausgehenden und eventuell nachfolgenden Entwicklungsstadien. Analog zu Kafkas Romanen kann auch K als eine offene, endlose Reihe von Episoden gelesen werden. © Ralf Kammerer -
veröffentlicht in der deutschen bauzeitung db 01/2001 |
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